Klein aber fein: Hotel Krafft Basel
Hermann Hesses «Steppenwolf» ist nicht eben das, was man gemeinhin
als leichte Kost bezeichnen würde. Der
Protagonist: Harry Haller, ein Aussenseiter des normalen, bürgerlichen Lebens. Ein hochintelligenter, übersensibler Mensch, der am Alltag allmählich verzweifelt, wie Hesse es auch tat. Ruhelos war der Schriftsteller, zerrissen zwischen seiner menschlichen und wölfischen Seele. Dennoch fand er in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, im Dachstock des Hotels Krafft, so etwas wie einen Lebensmittelpunkt für sich und seine zweite Ehefrau, die Schweizerin Ruth Wenger. Während diese Gesang studierte, schrieb Hesse im heutigen Zimmer 401 des Hotels den von der Basler Wirtshausszene inspirierten Roman «Steppenwolf», für welchen er unter anderem mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Eine Gedenktafel, die auf Hesses Anwesenheit und sein Schaffen im Haus hinweist, sucht man an der Rheingasse 12 allerdings vergebens. Einzig der
stilisierte Wolfskopf am Hoteleingang könnte einen diskreten Hinweis liefern – er soll aber vor allem Ausdruck der Wolfskräfte sein, die Franz-Xaver Leonhardt mobilisieren musste, nachdem er vor sieben Jahren den vierstöckigen, klassizistischen Bau am Rheinufer gekauft hatte.
Dabei basiert die Geschichte des Hotels nicht auf einem Wolf, sondern auf einem schwarzen Bären. So nämlich hiess das Restaurant, das der Deutsche Ernst Krafft im Jahr 1873 bewirtete. «Ein den Anforderungen der Zeit gerechtes Hotel» wollte Krafft im aufstrebenden Kleinbasel schaffen. Er führte das Haus fünfzehn Jahre lang selber, ehe er in den erblühenden Tourismusgebieten Südeuropas eine ganze Kette von «Krafft Hotels» aufbaute. Doch einzig das Krafft in Basel trägt heute noch den Namen des Hotelpioniers.
Authentizität, neben Qualität und Einfachheit: das ist es, was das Krafft aktuell anstrebt. «Als gehobenes Mittelklassehaus den Charme eines Hotels von früher ausstrahlen», wie Krafft-Gastgeber Franz-Xaver Leonhardt es ausdrückt. Gestalterisch gelingt dies durch einen raffinierten Mix aus Originalem von 1873, Hotelmöbeln aus den Fünfzigern, klassischem Design sowie eigens für das Krafft entworfenen Elementen. Jedes der 45 Zimmer hat das individuelle Gesicht eines privaten Gastzimmers. Doch weder als Design- noch als Historikhotel will Leonhardt sein Haus positioniert sehen. «Das Krafft ist das Krafft. Ein klassisches Hotel, das Ess- und Wohnkultur vereint und die Basler Hotellandschaft belebt.»
Das ist natürlich reichlich untertrieben, belebt das Krafft doch unbestritten auch die Balser Restaurantszene, wird das schlicht gehaltene Speiserestaurant im Hochparterre mit direkter Rheinsicht gerne und oft von Vertretern der Basler Gesellschaft frequentiert. Es sind dies Leute, die oft gar nicht wissen, dass das Krafft auch noch ein Hotel ist. Sie schätzen ganz einfach die frischen Kreationen aus Andi Steiners Küche, erfreuen sich an neu interpretierten Klassikern wie dem Cordon bleu vom Wildschweinrücken mit Sellerie-Frites und Cranberry-Ketchup (Fr. 44.–) oder der Zeininger Forelle, täglich frisch geliefert, serviert «en Papillotte» mit Kräuterkartoffeln (Fr. 39.–). Nicht wegzudenken von der Krafft-Karte sind die Kalbslebertranchen in Calvados oder der Krafft-Eiskaffee, hergestellt aus selbstgemachter Kaffeeglace und einem Schuss Scotch Whisky.
Das Preis-Leistungs-Verhältnis fällt gemessen an der Qualität und Kreativität der Küche äusserst fair aus. Auch in Sachen Wein bleibt das Krafft seiner Preisphilosophie treu. Eine schöne Flasche Bordeaux 2001 ist bereits ab 60 Franken zu haben – und das mitten in Basel, wo derselbe Wein in anderen renommierten Lokalen locker das Doppelte kostet. Wasser gibt’s übrigens in der Karaffe. Und nur in der Karaffe! Im Keller befindet sich eine Anlage, die das Basler Leitungswasser entsprechend aufbereitet, je nachdem mit oder ohne Kohlensäure. Valser, Henniez, Passuger & Co. sucht man hier vergebens. Dafür gibt es das Wasser auch kostenlos auf der Etage, wo sich der Hotelgast Tag und Nacht – auch mit Tee und Früchten – bedienen kann. Denn: eine Minibar gibt es im Krafft nicht.
Rund 72 Prozent beträgt die durchschnittliche Auslastung des Hotels. Selbstredend, dass das Hesse-Zimmer 401 äusserst begehrt ist. Es wäre ein
Einfaches für Hotelier Franz-Xaver Leonhardt, «sein Krafft» als Mekka für Hesse-Liebhaber aus aller Welt zu positionieren und entsprechend zu vermarkten. Hesse-Lesungen mit renommierten Schriftstellern, Buchpremieren, Hesse-Forums bis hin zu Hesse-Gedenktagen – das Krafft hätte die einmalige Möglichkeit, sich als Literatur-Haus mit etwas elitärem, kulturellem Anspruch international zu profilieren, so wie das viele andere Häuser tun. Doch das Krafft-Führungsteam, dem auch Leonhardts Frau Catherine sowie Küchenchef Andi Steiner und Hotel-Managerin Sabine Handschin angehören, will vom ganzen Hesse-Kult nichts wissen: «Hermann Hesse in Ehren, aber wir sind das Krafft. Und: Wir machen nur, was im Endeffekt auch Geld bringt. Denn als Hotelier bin ich verpflichtet, meinen Mitarbeitenden Ende Monat einen anständigen Lohn bezahlen zu können.»
Was am Jahresende übrig bleibt, wird zu einem beträchtlichen Teil ins Haus inve?stiert. Beispiel: Gegenüber des Stamm?hauses, an der Rheingasse 19, konnte man im September 2008 eine Dépendance mit zwölf Zimmern und einer Bar eröffnen. Das «Consum» versteht sich als moderne, aber stimmungsvolle Wein-Bar. Das Gastgeber-Team zelebriert hier ein Konzept, das erfolgsversprechend und zeitgemäss ist. Der Gast wählt aus einer Käse- und Salami-Theke (alles Top-Qualität!) aus, bestellt einen der 100 Weine (ab 3 dl alles im Offenausschank), setzt sich an einen der Holztische – und erhält ein Plättli serviert, das neben den gewählten Produkten heisse «Gschwellti» und hausgemachtes Chutney enthält. Der ideale Aperitif nach 18 Uhr, bevor sich der Gast ins Restaurant Krafft begibt und sich dort den kulinarischen Träumen hingibt – jedoch erst, nachdem er im «Steppenwolf» geblättert hat, der in jedem Zimmer aufliegt. Der Hesse-Roman übrigens ist an der Rezeption für 15 Franken in drei Sprachen erhältlich, falls die Nacht für die Lektüre zu kurz ausfällt.
Dem Gast alles bieten. Der Gast ist König, wie es Hotel-Pionier Ernst Scherz Senior (Palace Gstaad) schon vor vierzig Jahren in seiner Biographie kundgetan hat. Wirklich? Franz-Xaver Leonhardt sieht es anders: «Natürlich ist der Gast bei uns willkommen und wir tun alles, dass er sich bei uns wohl fühlt. Aber: Der Gast ist nicht König! Wer im Hotel Krafft absteigt, weiss, auf was er sich einlässt. Wem unser Angebot nicht passt, hat in Basel genügend Alternativen. Wir stehen zu unserem Angebot, setzen auf Qualität und Top-Leistungen in jedem Bereich, aber wir haben eine Philosophie, der wir treu sind.»