Wir sind keine Sozialbeiz
Seit rund zweieinhalb Jahren wird das Hotel-Restaurant Sonnenberg von Langzeitarbeitslosen bewirtschaftet. Ein erfolgreiches Projekt, bestehend aus Hotelbetrieb und Speiselokal – und keine «Sozialbeiz», wie die Verantwortlichen beteuern. Doch wie kann das Hotel und Restaurant oberhalb von Kriens mit den meist ungelernten Mitarbeitenden die angestrebte Qualität garantieren?
Flüchtlinge, junge Erwachsene ohne Perspektiven, alleinerziehende Frauen – kurz: Sozialhilfeempfänger begrüssen, bewirten und betreuen die Gäste im Hotel-Restaurant Sonnenberg, gelegen auf dem gleichnamigen Hausberg oberhalb von Kriens, nahe der Stadt Luzern. Sie arbeiten an der Rezeption, servieren im Restaurant, bereiten in der Küche das Essen zu und reinigen die Hotelzimmer. Ist es tatsächlich möglich, einen Hotelbetrieb von Langzeitarbeitslosen führen zu lassen? Von Menschen, die unter Umständen nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen, die einen völlig anderen Beruf erlernt oder vielleicht noch nie richtige Arbeit hatten? Und dies mit dem Anspruch, den Gästen ein gutes Speiserestaurant und einfache, aber funktionelle und saubere Zimmer anzubieten? «Hier funktioniert das», sagt Ron Prêtre, Geschäftsführer des Vereins The Büez, der das Hotel Sonnenberg betreibt. «Allerdings läuft schon häufiger etwas schief als in anderen Betrieben – wir haben eine Glasbruchrate von 100 Prozent», ergänzt Betriebsleiter Andy Michel mit einem Schmunzeln.
Selbstwertgefühl aufbauen
Heute läuft nichts schief: Beim Rundgang durch das Haus grüssen alle Mitarbeitenden äusserst freundlich, «Grüezi» heisst es von allen Seiten, das Mittagessen wird einwandfrei serviert – und schmeckt sehr gut.
Rund 35 Personen sind im Ausbildungsprojekt momentan beschäftigt. «Die Mitarbeitenden werden uns vom Sozialamt vermittelt. Mögliche Kandidaten kommen für ein Gespräch bei uns vorbei», erklärt Ron Prêtre. In diesem Gespräch werden die Fähigkeiten und Kenntnisse der Bewerber unter die Lupe genommen, es geht um eine Standortbestimmung und eine gemeinsame Zielvereinbarung. «Wir versuchen, den Menschen in diesen Bewerbungsgesprächen das Gefühl zu vermitteln, dass sie bei einem richtigen Arbeitgeber vorsprechen. Wenn ein Kandidat später sagt, bei uns sei es wie bei einem echten Bewerbungsgespräch gewesen, verstehen wir das als Kompliment», sagt Prêtre. Ihm und Andy Michel geht es darum, diesen Menschen, die sich am äusseren Rand der Gesellschaft bewegen, bereits im ersten Gespräch Wertschätzung entgegenzubringen, ihnen ihre Würde zurückzugeben und ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen. «Wir sehen den Menschen, nehmen gewisse Einschränkungen oder Defizite
in Kauf und versuchen dann, die vorhandenen Fähigkeiten auszubauen.»
Geduldige Betreuung
Und wie werden diese Defizite wettgemacht, wenn der Gast nicht schon beim Betreten des Hotels das Sozialprojekt dahinter wittern soll? Mit starker fachkundiger Betreuung.
Das Hotel Sonnenberg umfasst zwölf Hotelzimmer, ein Restaurant und vier Seminarräume. Es ist ein kleines Hotel. Doch dem Besucher fällt sofort auf, dass in diesem Hotel viel mehr Personen arbeiten, als in einem normalen Betrieb: Im Sonnenberg sind 35 Projektmitarbeitende und zwölf fest angestellte Branchenleute beschäftigt. «Das ist nötig, weil die Projektmitarbeitenden stärkere Betreuung benötigen und oft auch nur kleine Prozentstellen übernehmen können», erklärt Andy Michel. Die zwölf Festangestellten übernehmen leitende Funktionen in den Bereichen Küche, Hotel, Service oder Rezeption und werden in ihrer Ausbildungstätigkeit von einem internen Sozialdienst unterstützt. Die Anforderungen an die Betreuer und Ausbilder vor Ort sind sehr hoch: «Natürlich ist das fachliche Wissen unserer Fachpersonen sehr wichtig, aber es braucht allem voran auch sehr viel mehr Geduld, zum Beispiel, wenn einem Serviceangestellten zum vierten Mal erklärt werden muss, welche Tasse zu welchem Unterteller gehört. Die Ansprüche an unsere Festangestellten sind also bedeutend höher als in einem Normalbetrieb – man braucht Nerven wie Drahtseile», meint Andy Michel.
Seit Beginn des Projekts im Mai 2007 waren im Sonnenberg über 250 Personen beschäftigt, rund 40 bis 50 Prozent weisen einen Migrationshintergrund auf. Die Sprachbarriere ist dabei nur eine von vielen Hürden, die überwunden werden muss: «Vielen Mitarbeitenden müssen wir zunächst beibringen, wie wichtig es ist, die Gäste immer zu grüssen oder pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. Es kommt auch vor, dass jemand einfach nicht zur Arbeit kommt. Dann liegt es an uns, dieser Person die Konsequenzen aufzuzeigen – zum Beispiel, dass jemand anderes für ihn einspringen muss», erzählt Betriebsleiter Michel.
Hilfe zur Selbsthilfe
Lohn erhalten die Projektmitarbeitenden keinen, sie beziehen weiterhin ihre Sozialhilfe. Anreiz für die Arbeit im Sonnenberg ist die Erfahrung: Der Einsatz im Hotel soll motiviert sein durch die Möglichkeit, etwas zu lernen, durch die Aussicht auf einen Job im Ersten Arbeitsmarkt, durch die feste Tagesstruktur – und nicht zuletzt durch das Gefühl, etwas wert zu sein.
Neben der fachlichen Ausbildung in der Küche, im Service, im Hausdienst oder an der Rezeption, erhalten die Projektteilnehmer auch weitere Unterstützung für ihre Zukunft. Sie können an Computerkursen und betriebsinternen Sprachkursen teilnehmen und werden individuell für ihre Bewerbungen gecoacht. Oft werden die Mitarbeitenden auch an externe Bewerbungsgespräche begleitet: «Wir versuchen dort, dem potenziellen Arbeitgeber die Fähigkeiten des Kandidaten aufzuzeigen – und wo es vielleicht etwas mehr Geduld oder Betreuung braucht», sagt Andy Michel.
Kooperation mit andern Hotels
«Es ist wichtig, dass wir keine ‹Sozialbeiz› sind, wo sich nur Kollegen der Mitarbeitenden tummeln. Wir sind kein Beschäftigungsprogramm, sondern ein realer Betrieb – ein Hotel und Speiselokal – mit realen Gästen», sagt Initiant Ron Prêtre. Und genau dies macht es aus und steigert die Jobvermittlungschancen. So verbessern die Mitarbeitenden ihre Sozialkompetenz und lernen den Umgang mit anderen Menschen – mit Geschäftsleuten, Pensionären oder Leuten aus der Wohngegend. «Dieses Projekt ohne reale Gäste würde nichts bringen, denn nur am Gast können unsere Mitarbeitenden lernen und feststellen, was funktioniert und was eben nicht», betont Prêtre.
Die Teilnehmer verpflichten sich zu mindestens drei Monaten im Projekt, höchstens zwölf Monate können sie bleiben. Natürlich komme es immer wieder vor, dass jemand aus persönlichen Gründen früher aus dem Projekt aussteige oder abbrechen müsse. Als Betreuer und Ausbilder sei es wichtig, solche Ausfälle oder Abstürze der Projektteilnehmer nicht als persönliches Versagen zu betrachten. Ein Grossteil der Mitarbeitenden beendet das Projekt jedoch erfolgreich: «Wir haben eine Arbeitsvermittlungsrate von 40 Prozent – das ist sehr hoch für ein solches Projekt», meint Prêtre. Findet ein Mitarbeiter nach der Zeit im Hotel Sonnenberg keine Arbeitsstelle, kann sich dieser bei der ALV melden und wird dadurch wieder besser vermittelbar.
Um die Projektteilnehmer auf eine Arbeit nach dem Hotel Sonnenberg vorzubereiten, versucht der Verein The Büez, gewisse Synergien mit anderen Hotels aufzubauen. So konnten schon diverse Mitarbeitende für eine Woche in einem anderen Betrieb Hotel- und Restaurantluft schnuppern, so z.B. im Radisson SAS Luzern. «Natürlich schicken wir nur ausgewählte Leute, für die wir unsere Hand ins Feuer legen können», sagt Andy Michel. Von einem solchen Austausch profitieren beide Seiten: Das Hotel betätigt sich in einem Sozialprojekt und der Mitarbeitende lernt, wie anders die Anforderungen in einem richtigen Hotelbetrieb sein können: «Unsere Mitarbeitenden sollen ruhig merken, dass sie hier im Sonnenberg von einer grösseren Betreuung und sozialer Unterstützung profitieren. Bei uns gibt es fast immer eine zweite und manchmal sogar dritte Chance – ausserhalb dieses geschützten Umfelds gibt es das kaum mehr», meint Andy Michel. Doch die Vorbereitungen auf das Arbeitsleben nach dem Sonnenberg scheinen erfolgreich zu sein: Nur gerade zehn Prozent verlieren ihren Job später wieder.
Die Frage, ob auch ein anderes Hotel ein solches Projekt realisieren könne, wägt Andy Michel einen Moment lang ab. «Die Frage ist, wie viel Betreuung nötig ist, um ein solches Projekt durchzuführen – und welche Kosten diese Betreuung verursacht», sagt er dann. Und auch wenn die Qualität im Sonnenberg gewährleistet ist: «Hier oben geht alles etwas langsamer vonstatten. Ein Vierstern-Stadthotel, wo alles fix erledigt werden muss, kann so etwas nicht machen.» Interessant für andere Hotels könne aber eine Zusammenarbeit mit The Büez sein, indem beispielsweise Schnupper- oder gar Arbeitsplätze angeboten würden.