Der swingende Hotelier
Gleich zwei Jubiläen stehen im Vierstern-Boutique-Hotel Belle Epoque in der Berner Altstadt an: das 20-jährige Bestehen des Hotels und der 65. Geburtstag von Hotelier Jürg Musfeld-Brugnoli. Zeit für einen persönlichen Rückblick von Hotelier-Autorin Nicole Amrein.
Zum ersten Mal haben wir uns in Meiringen im Berner Oberland getroffen, im Parkhotel du Sauvage. Jürg und Bice, das langjährige Direktionsehepaar des Hauses (1977 bis 2001). Ich, eine japanische Fernsehreporterin unter Mordverdacht. Selbst als die lokale Gendarmerie mit Blaulicht und quietschenden Reifen anrückte und die Hotellobby in Beschlag nahm, bewahrte Jürg Musfeld-Brugnoli stoische Ruhe, was dann auch einen reibungslosen Ablauf für 20 Schauspieler und 80 Krimi-Liebhaber während des ganzen Wochenendes ermöglichte.
Ein grossartiger Erfolg waren die «Mystery Weekends», diese Mischung aus Live-Theater und Detektivspiel. Ein Mordsspass für uns Artisten wie auch für die zahlenden Hotelgäste, von denen nicht wenige aus dem benachbarten Ausland, vor allem aus Deutschland, anreisten. Die meisten Gäste, welche das sympathische Ehepaar und das Parkhotel kannten, wurden zu Wiederholungstätern in Sachen Live-Krimi. Andere lernten das Hotel erst über die medial viel beachteten Cross-Culture-Events kennen und suchten den Tatort dann irgendwann als Seminar- oder Feriengäste auf. 2001 wurden die «Mystery Weekends» sogar für den Tourismuspreis Schweiz («Milestone») nominiert. Eine Auszeichnung, die dem Parkhotel du Sauvage gut gestanden hätte, bot das im Jugendstil erbaute Haus mit seinem riesigen Treppenhaus, den weiten Korridoren und den Skulpturen in den Nischen doch die perfekte Kulisse zum «Krimi-Hotel».
Im 2002 kam mir zu meinem Erstaunen zu Ohren, dass die Musfelds das Parkhotel verlassen, um in der Berner Altstadt ein kleines, aber feines Boutique Hotel zu pachten. Was würde aus dem begnadeten Entertainment-Manager und passionierten Jazzmusiker (Klarinette, Alto- und Sopransaxofon) werden? Er, der in den Siebzigerjahren die Bar des Hotel Nova-Park in Zürich zu dem Treffpunkt für Jazzer gemacht hatte? Er, der Begründer des mittelalterlichen Esstheaters in der Schweiz – mit dem Minnesänger Hanspeter Treichler und der Sängerin Dodo Hug? Er, der ein höchst versierter Organisator von Partys, Bällen und anderen Events war? Was würde wohl seine Frau und Geschäftspartnerin Bice tun? Sie, die in all den Jahren mit ihrem immensen Organisationstalent und Fachwissen ihren Jürg zu unterstützen vermochte? Auch sie diplomierte Hotelière SHV, frühere Mitarbeiterin des legendären Schlossherrn und Antiquitätensammlers Jürg Stuker in Gerzensee, eidg. dipl. HR-Managerin, Kulturchefin in Meiringen und Mitgestalterin des einzigartigen Sherlock-Holmes-Museums?
An der Gerechtigkeitsgasse 18 in Bern sahen wir uns wieder, im einst als «kleinstes Grand Hotel der Welt» konzipierten Belle Epoque. Zwar haben die Musfelds das Berner Oberland verlassen, nicht jedoch den Jugendstil. In ihrer ganzen Blüte kommt die «Art Nouveau» der Jahrhundertwende in den siebzehn Hotelzimmern zum Ausdruck. Alles echt, Sammlerstücke von Hotelinhaber und Zahnimplantate-Erfinder Dr. Philippe D. Ledermann-Puigventós und seiner Gattin Marina. 1989 hat das Ehepaar die Liegenschaft gekauft, durchaus mit dem Hintergedanken, seine umfangreiche Jugendstil-Sammlung (wahrscheinlich die umfangsreichste der Schweiz) öffentlich zu machen. Wo einst eine bekannte Kioskinhaberin ihr Handwerk verrichtete, ist heute die Rezeption des Vierstern-Hauses untergebracht. Hinter einer ehemaligen Bar-Theke, die ein belgischer Ebenist geschaffen hat, lächelt mir das charmante Paar entgegen.
Im angrenzenden Café-Restaurant mit imposanter Kachelwand und Jugendstil-Klavier ist noch ein Gesicht aus guten alten Meiringer Zeiten auszumachen: Pamela. Die «Chef de Bar» reicht in Vinothek-Manier selbst eingelegte, griechische Oliven und Wasabi-Nüsse zum Wein. Sie hat sich in den letzten sieben Jahren eine treue Stammkundschaft erarbeitet und gehört zu den beliebtesten Bardamen von Bern. Jürg Musfeld trinkt einen Pinot Noir aus seiner Heimat, dem Baselbiet. Zu späterer Stunde darf es auch mal ein Single Malt Whisky sein, früher gerne in Begleitung einer Zigarre. Für ihre nach wie vor rauchenden Gäste beabsichtigen die Hoteliers, heizbare Kissen zu organisieren, da unter den denkmalgeschützten Lauben der Altstadt das Anbringen von Wärmestrahlern strikte verboten ist.
Das Belle Epoque: 60 Plätze auf der Terrasse, 25 in der Bar, 35 im Café-Restaurant – und die Küche ist gerade mal zehn Quadratmeter gross. Zwar gab es Überlegungen, das Haus als Garni zu führen, doch sind Musfelds froh, sich anders entschieden zu haben. Die Belle-Epoque-Tartar-Variationen (Beef, Thunfisch, schottischer Rauchlachs, Gemüse) sind genauso stadtbekannt, wie das Wienerschnitzel und die «Grosses Pièces» vom silberblank polierten Chariot. Rosa gebraten kommt das am Tisch tranchierte Roastbeef oder Carrée de Veau auf den Teller, begleitet von herrlich duftendem Kartoffel-Gratin und einer verführerischen Sauce Béarnaise – jedoch nur während der Wintermonate. Konkret ab Oktober, wenn jeweils am Sonntagabend und neu auch an einigen Samstagen wieder Live-Jazz gespielt wird (an einigen Freitagen zudem in der befreundeten Rolls-Royce-Bar in Worblaufen).
Dank seiner nach wie vor exzellenten Beziehungen zur Jazzszene gelingt es Jürg Musfeld immer wieder, auch weltbekannte Musiker ins Berner Altstadthotel zu locken. «Die meisten sind auf Tournee in der Schweiz, haben den Sonntag eh frei und Spass daran, bei uns mit einem gewaltigen Idealismus und für einen Obolus aufzutreten.» Mehr liegt in Sachen Gage (dafür mit hervorragenden Übernachtungsmöglichkeiten und feinem Essen) nicht drin. Nicht bei einem bescheidenen Kulturbeitrag von 9.50 Franken pro Person und einem Konsumationszuschlag von 1.50 Franken.
Wie Ihre Gäste, so lieben auch die Musfelds diese ungezwungenen Abende, wären – wenn es der Platz im verwinkelten Altstadthaus zuliesse – auch gerne wieder in Sachen «Mystery» aktiv. Jürg Musfeld ist nun mal ein innovativer Gastgeber, ein Anreisser-Typ. Sicher kein Diplomat, mag aber den Small Talk mit seinen Stammkunden sehr gerne. Dennoch steigen oft Diplomaten und andere Botschaftsangestellte im Belle Epoque ab. Den National- und Ständeräten sei man übrigens zu teuer, und für Familien mit Kindern sei das Haus nicht speziell eingerichtet. «Dafür werden wir von Individualtouristen sehr geschätzt, allen voran von kulturinteressierten Deutschen, Franzosen, Spaniern und Italienern.»
Mit Letzteren hat er eines gemeinsam: Jürg Musfeld pflegt täglich zwischen 13 und 15 Uhr eine Siesta einzulegen. Das weiss seine Familie, wissen seine Freunde, respektieren die Mitarbeitenden. «Personal» haben er und seine Frau noch nie beschäftigt, immer nur Mitarbeitende, Mitwirkende und Mitdenkende, sagt Musfeld, der einst (1968 bis 1972) unter Hotelpionier Hans Leu Barbetriebsleiter im Kulm Hotel in Arosa war. So werden im Belle Epoque Fachleute mit Herz rekrutiert – «diese sind übrigens auch in Studentenkreisen zu finden.» Denn noch wichtiger als Fachkompetenz bis ins letzte Detail, sind dem Hotelierpaar Charme, Zuvorkommenheit, gute Laune und ehrliche Gastfreundschaft. «Kein aufgesetztes Lächeln. Wir wollen echte Begeisterung sehen!»
Jene Begeisterung für fremde Menschen und Kulturen hat ihn dazu gebracht, nach der Lehre zum Reisebürokaufmann als Reiseleiter und Residenz-Manager in Spanien, Thailand und Ostafrika zu arbeiten. Es folgten die Hotelfachschule Luzern, die Wirteschule in Chur, diverse Cornell-Kurse in Zürich und später das Unternehmer-Seminar des SHV mit dem Abschluss zum dipl. Hotelier. Damit nicht genug: Musfeld war Sektionspräsident des Hoteliervereins Meiringen-Haslital, später Präsident des Verkehrsvereins der neu gegründeten Alpen- region Brienz-Meiringen-Hasliberg, Initiant des Tennis-Centers und zusammen mit seiner Frau Mitbegründer des Sherlock-Holmes-Museum in Meiringen, später Referent am Unternehmerseminar SHV in den Bereichen «Betriebliches Marketing», «Unternehmensanalyse», «Finanzen» – und bis 2002 amtete er als Mitglied der GPK des Schweizer Hotelier Vereins.
Am 6. November 2009, am Tag des 20-Jahr-Jubiläums seines Hotels, würde Jürg Musfeld rein rechnerisch in Rente gehen. Doch der swingende Vollblut-Hotelier kann es nicht lassen. Dank seiner engagierten Frau wurde der Pachtvertrag für weitere fünf Jahre unter- schrieben. Jürg will bleiben, wer er ist: ein unglaublich engagierter, professioneller, ehrlicher Gastgeber, geschätzt und respektiert.