Bed & Breakfast «Maison DuBois», Le Locle
La Chaux-de-Fonds und Le Locle sind einzigartige Zeugen einer ganzen Industrieepoche. Durch ihre Kompaktheit, Originalität und Authentizität widerspiegeln sie die Höhen und Tiefen der Uhrenindustrie seit Ende des 18. Jahrhunderts bis heute. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Le Locle und La Chaux-de-Fonds seit diesem Sommer als Weltkulturerbe auf der Unesco-Liste figurieren, obwohl der erste Eindruck von Le Locle etwas ernüchternd wirkt. Wie ausgestorben reihen sich etwas schmucklose Häuser aneinander.
Zeitzeugen der Uhrenindustrie
Obschon das urbane Erbe der beiden Städte nicht sofort ins Auge fällt, ist ihr historischer Wert aussergewöhnlich. Strassen, Gebäude und Fabriken wurden gebaut, um den Bedürfnissen der aufkommenden Uhr?enindustrie entgegenzukommen. Zum Beispiel die Architektur, die dem Lichteinfall Priorität einräumt, und die Strassenführung, die den Verkehr erleichtert. Als es ab 1973 zur Krise in der Uhrenindustrie kam, versetzte dies den beiden Städten einen schweren Schlag. Tausende von Arbeitsplätzen gingen damals entlang des gesamten Jura-Bogens verloren. Dank dem öffentlichen Sektor konnte dieser Rückgang aufgehalten werden. Die beiden Städte entwickelten sich zu Kompetenzzentren für innovative Technologien.
Unterschrieben wurde der Unesco-Vertrag im Sitzungssaal des «Maison DuBois», das selbst ein Zeitzeuge der Uhrenindustrie ist. Die Uhrmacherfamilie DuBois besitzt eine der renommiertesten Firmen in Le Locle. Moise DuBois betrieb schon seit 1743 einen Uhrenhandel. Als sein Sohn Philippe DuBois die Firma 1764 übernahm, begann er auch mit der Herstellung von Taschenuhren und Pendulen. Als Tuchhändler hatte er bereits weitreichende Geschäftsbeziehungen nach Europa und Amerika aufgebaut. Dies ermöglichte dem Uhrengeschäft einen hervorragenden Start. Im 19. Jahrhundert wurde der Aufbau eigener Kontore in Ländern wie Deutschland, Holland, Spanien und Amerika vorangetrieben. Besonderes Gewicht erhielt dabei die Frankfurter Filiale durch ihre Nähe zu den Messen.
Heimstätte exklusiver Uhren
1785 nahm Philippe DuBois seine drei Söhne in die Firma auf. Dieser Zeitpunkt gilt offiziell als Eröffnung des Hauses, das sich nun «Philippe DuBois & Fils» nennt. Heute fertigt DuBois – übrigens immer noch im Gründungshaus in Le Locle ansässig, die Herstellung wurde jedoch verlegt – überwiegend exklusive, arbeitsintensive Armbanduhren.
Die Ausstattung der Uhrenwerkstätte gilt als Schmuck?stück des Barock und ist ein bedeutendes Denkmal früherer Handwerks- und Handelskultur. Die wertvollen Dokumente des Archivs, das sich auf der ersten Etage des Hauses befindet, legen Zeugnis von der Tradition des Hauses DuBois und der Schweizer Uhrenfertigung ab. Ein wahrer Fundus für Historiker. Da viele Gäste aus dem In- und Ausland die Heimstätte der exklusiven Uhrenmarke DuBois besichtigen wollten, hatte Madame Helga Kaussler-DuBois, eine DuBois der siebten Generation und Besitzerin des Hauses, die Idee, in diesem geschichts- trächtigen Haus ein Bed & Breakfast einzurichten. Um dies zu realisieren, wandte sie sich vor drei Jahren an Céline Jeanneret, die in Le Locle in ihrem eigenen Einfamilienhaus bereits das erste Bed & Breakfast der Stadt ins Leben gerufen hatte. Hier vermietete sie nebenberuflich mit grossem Erfolg zwei Cocooning-Zimmer an Geschäftsleute und Touristen.
Frühstück auf der Werkbank
Céline Jeanneret war von dem Projekt von Anfang an begeistert und sagte spontan zu. Gäste zu beherbergen liegt der 33-jährigen, lebhaften «Maîtresse de maison» im Blut. Eigentlich wollte sie früher die Hotelfachschule besuchen, doch die Mittel reichten dafür nicht aus, sodass sie eine Handelsschule absolvierte und einige Jahre im Versicherungswesen arbeitete. Mit dem «Maison DuBois» hat sie nun die Gelegenheit erhalten, ihre Ideen vollamtlich umzusetzen. Als Frau eines Uhrmachers hat sie zum Thema Uhren sowieso eine besondere Beziehung. «Hier in Le Locle ist allerdings jede Familie mehr oder weniger mit der Uhrenindustrie liiert», schmunzelt sie.
Céline Jeanneret setzte das Konzept für das Bed & Breakfast auf originelle Weise um. Ein altes Schild mit der Aufschrift «Atelier» hängt über der Tür zur ehemaligen Werkstätte, wo noch bis Ende des letzten Jahrhunderts die Uhrmacher ihrer Arbeit nachgingen. Heute ist hier die Gaststube untergebracht. Der massive Tisch steht immer noch am gleichen Ort, nur wird darauf jetzt ausgiebig gefrühstückt und geluncht.
In diesem Raum werden die Gäste – sowohl Passanten wie auch Übernachtungsgäste – von Céline, wie sie sich vorstellt, herzlich willkommen geheissen. Die Gaststube ist nicht zu vergleichen mit einem üblichen Hotel. «Wir sind hier wie eine Familie», beteuert Céline. Die Menschen, die zu ihr kommen, fühlen sich sofort wie zu Hause.
Gastgeberin aus Leidenschaft
Die fünf Doppelzimmer und der Salon, die sich auf drei Etagen des «Maison DuBois» verteilen, bestechen durch ihre Originalität. Céline ist nicht nur eine begabte Köchin, Gastgeberin und Handelsfachfrau, sie hat auch ein Flair für Inneneinrichtung. So entstammen alle Zimmer ihrer Feder. Im ersten, «Chambre Baroque» genannt, mit behäbigen Stoffen in dunklen, blau-grünen Farben gehalten, fühlt man sich – umgeben von Engelwesen in Form von Nippesfiguren und Wandmalereien – in die Welt des Barocks versetzt. Auf dieser Etage sind auch das Archivzimmer sowie das Office der Uhrmacherwerkstätte untergebracht. Im Korridor zeugen Schaukästen mit antiken Taschenuhren sowie eine antike Pendule von der Geschichte des Hauses. Die Substanz, wie etwa der blau-weiss geflieste Boden, wurde belassen.
Eine Etage höher liegt das «Chambre Esprit Zen». Ganz in Weiss gehalten, strömt es eine beruhigende Atmosphäre aus. Weisse Tülltücher über dem Bett und Bachsteine als dekorative Elemente unterstreichen den meditativen Charakter dieses Zimmers.
Auf der gleichen Etage befindet sich der Aufenthaltsraum – ein Salon mit Möbeln von anno dazumal. Wandmalereien und schwere Vorhänge verleihen diesem Raum seinen typisch barocken Charakter. Daneben können sich die Gäste in einer Küche auch mal selbst etwas Kleines kochen.
Zu den drei Zimmern «Chambre Safari», «Chambre la Bohème» und «Chambre d’Antan» gelangt man über eine steile Stiege. Jedes der Zimmer besitzt seinen eigenen Charakter. So wurde zum Beispiel das «Chambre d’Antan» mit Möbeln ausgestattet, die Céline im Estrich gefunden hatte.
Die Zimmer könnten heimeliger und gemütlicher nicht sein, und es verwundert nicht, dass das Livre d’Or, das Gästebuch des Hauses, voll von Lob ist. Auch mit Einträgen von japanischen Geschäftsleuten, die während ihren Geschäftsreisen gerne hier übernachten. Céline Jeanneret ist zu über 80 Prozent ausgebucht, ohne je Werbung gemacht zu haben. Die Gäste setzen sich aus Touristen, Geschäftsleuten und Künstlern zusammen.
Exklusivität statt Einheitsbrei
Céline zufolge gibt es in Le Locle noch viel Potenzial für Bed?&?Breakfast-Häuser. Sie selbst ist jedoch an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Ihr Tagesablauf beginnt früh morgens um 6.30 Uhr und dauert bis abends um 18 Uhr, mit eineinhalb Stunden Pause, in denen sie ihren Hund spazieren führt. Ohne Wirtepatent und Hotelfachschule hat sie gemäss Vorschrift des Kantons nur die Möglichkeit, maximal zehn Betten anzubieten und zehn Gedecke zu servieren. Doch gerade dies macht den persönlichen Charakter des Hauses aus. Darüber hinaus unterstützt sie die Bed?&?Breakfast-Idee in Le Locle und steht Anwärtern mit Rat und Tat zur Verfügung. «Es gibt in der Schweiz zu viele Hotels, die sich gleichen und keinen eigenen Charakter aufweisen.» Dies kann man vom «Maison DuBois» nicht behaupten. Es ist ein typisches Themenhaus, wie es origineller nicht sein könnte. Denn, meint Céline, «Allerwelthotels sucht niemand».